blog 2020



Tag der Deutschen Einheit

East Side Berlin


Die architektonischen Sünden der letzten 20 Jahre am Beispiel des Entertainment-Viertels hinter der East Side Gallery, Berlin-Friedrichshain


Am Tag der deutschen Einheit blickte ich auf dem Weg vom Ostbahnhof zur Oberbaumbrückeauf die neue Bebauung hinter dem alten Postamt. Mehrere im Bau befindliche Hochhäuser stehen auf dem ehemaligen Gelände eines Güterbahnhofes als Skelettbauten und werden wohl im fertigen Zustand so aussehen, wie die Bauten links oder rechts daneben - wie gestapelte Kästen von der Stange.
Im sog. Entertainment-Viertel in Friedrichshain protzt inmitten des Konglomerats der Klotz der Mercedes-Benz Arena (ehemals O2…die Namen wechseln ja nach dem Sponsor). Diese Konzerthalle passt wie die Faust aufs Auge und hat mir schon oft den ästhetischen Blick versperrt; vom alten Fluxbau in Kreuzberg direkt gegenüber dem anderen Spreeufer schaut man direkt durch die unterbrochene Mauer der East Side Gallery auf diese und andere Hässlichkeiten der Neuzeit.
Ein umstrittenes Apartment-Hochhaus steht ca. 100 Meter links am Spreeufer und unterbricht den Durchgang der neu angelegten Uferpromenade, schließlich verhindert es den Panorama- Blick von der Oberbaumbrücke in Richtung auf den Berliner Fernsehturm.

Alles verändert sich – wie in diesem Falle – nicht zum Vorteil, wie so vieles am Stadtbild Berlins (siehe Europa-Viertel am Hauptbahnhof….)
Der Online-Versand Zalando ist hier im Areal groß geworden, Daimler hat sich hier angesiedelt und wie üblich steht mindestens eines von den vielen Hotels, hier halbleer, nebst einer einfallslosen Shopping-Mall, der noch einen Wolkenkratzer in die Ecke beigestellt werden wird - sozusagen ein Zeigefinger als Symbol der Mahnung. Wer hier wohnen will, in einer eigenen Zwei-Zimmer-Wohnung, der muss schon mal 800.000 € hinlegen. Aber wer macht das wirklich, denn gelebt wird hier nicht?
Hier hatten wohl Politiker und Stadtplaner, die den Stadtentwicklungsplan ermöglichten, für Immobilienhaie und den Kapitalfluss im Kopf mehr übrig, weniger für den Bedarf und das Wohl der Allgemeinheit und fürs Auge gar nichts, denn die Architektur ist hier vom Baukasten der letzten 20 Jahre.

Wer braucht das noch, frage ich mich? Oder ist hier, wie vielerorts, eine Immobilien-Mafia am Werk?

Tag der Deutschen Einheit, Fest der Lichter 2020, Berlin | Bildquelle: axondesign.de

In Zeiten von Corona und zurückhaltender Investitionsbereitschaft wird eine sich aufblähende und dann platzende Immobilienblase zunehmend wahrscheinlicher. Makler sind die Verkaufsgehilfen, die mit Überzeugung all das Gebaute für einen elitären Kundenkreis anpreisen und um letztlich selbst zu überleben. Vielleicht gibt es auch einfach zu viele auf dem freien Markt in diesem Gewerbe und wir sollten wieder mehr Wohn- und Nutzfläche (zurück-)verstaatlichen, um nah am wirklichen Bedarf zu planen (Stichwort: bezahlbarer Wohnraum und vielfältige Gewerbenutzungen). Der Neoliberalismus der globalisierten Gesellschaft hat in den vergangenen 20 Jahren so manche überteuerte und an gewelkte Blüte getrieben. Nicht umsonst entvölkern sich die Innenstädte zunehmend durch solche einfältigen Betoninseln mit rein funktionalen städtebaulichen Monostrukturen.


Richtung Oberbaumbrücke, der Verbindung zwischen Kreuzberg und Friedrichshain ging ich dann Spreeaufwärts flink weiter und richtete den Blick auf Schöneres, weg von den Bausünden der Nachwendezeit und der Gegenwart; hin auf die historische Brücke, die wegen des Festtages zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit abends mit verschiedenen Motiven farbenprächtig wechselnd illuminiert wurde.




   



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